Mythos Beethoven

Beethoven ist der Ochse auf der Weide der abendländischen Kulturgeschichte, das lässt sich seit langem unstrittig festhalten. Bei der Frage nach Henne und Ei aber, der Überlegung also, ob Beethovens gegenwärtige Popularität noch auf seiner Musik gründet oder wir nicht eher die Musik wegen der Popularität des Namens „Beethoven“ hören, wird das Bild undeutlicher. Hier soll unsere neue Rubrik von Daniel Frosch für Durchblick sorgen. Während beim Jungen Festival das Ensemble Reflektor mit Schülern Beethovens berühmte fünfte Sinfonie erarbeitet, denken wir an dieser Stelle über den „Mythos Beethoven“ nach und versuchen anhand neuster Forschung, dem Menschen und der Figur Beethoven auf die Schliche zu kommen und natürlich die heutige Bedeutung seiner Musik zu klären.

Kapitel 1: Was war nochmal der „Mythos Beethoven“?

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Der ernste Blick aus dunklen Augen, die Wallemähne, die jeden Moment in Flammen aufzugehen scheint – unser Bild vom „Titanen“ Beethoven (sorry, Oli Kahn) ist durch das Portrait von Joseph Karl Stieler bis in die Gegenwart festgezurrt. Und findet sich vieles, was an der Person Beethoven ins Auge springt, nicht auch in der Musik wieder? Das Rebellische, Individuelle, Männliche – Biographie und Musik überlagern sich zu einem doch eigentlich ganz stimmigen Gesamtbild (dass beides zusammengehört, ist selbst schon Teil des „Mythos‘ Beethoven“).

Diese einheitliche Wahrnehmung hat allerdings schon oft auch Unbehagen hervorgerufen, denn einen Menschen und sein Werk einfach so in 2D zu skizzieren, wird ihm vielleicht doch nicht gerecht. Der Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht hat die Assoziationen, die Beethovens Musik über Jahrhunderte ausgelöst hat, einmal in Bedeutungsgruppen geordnet und festgestellt: „Es zeigte sich im Verlauf der Arbeit, daß die Geschichte der Beethoven-Auffassung in ihren Grundlinien und -farben unter eine relativ kleine Zahl von Begriffsfeldern subsumabel ist“.

Beethoven als Mythos mit fast schon klischeehaften Eigenschaften zu betrachten ist also einerseits legitim, weil dieses Vorgehen eine eigene Tradition hat. Neue Blickwinkel zu suchen, ist aber ebenso wichtig. Leider gibt’s dafür kein Fleißbienchen, am „Mythos Beethoven“ zu kratzen ist fast so alt wie der Meister selbst. Ein offenes Ohr zu haben für den zarten, heiteren, spontanen Beethoven, lohnt sich aber trotzdem – spätestens im Konzert.

Literaturtipp: Hans Heinrich Eggebrecht, Zur Geschichte der Beethoven-Rezeption, (Mainz 1972), Laaber ²1994.

Kapitel 2: Muss ich eine Sinfonie wirklich ganz anhören?

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Verdammt, ja! Zumindest, wenn man Florian Edler folgen möchte, der in einem relativ neuen Text erklärt, was Zeitgenossen an Beethovens Orchesterwerken schätzen gelernt haben. Gerade Beethovens Sinfonien galten nämlich bald jede für sich als eine unteilbare Einheit und glichen damit einen Makel aus, der der Musik, die man nunmal nicht anfassen kann, unter dem Begriff „transistorisch“ angedichtet worden war. Kurz gesagt: erst wenn ein Musikstück als Einheit wahrnehmbar war (so wie ein Bild oder eine Skulptur), war es für einige Theoretiker dieser Zeit auch wirklich Kunst.

Auf der einen Seite kam Beethovens Musik dem Bedürfnis nach Einheit entgegen: das berühmte Motiv „ta-ta-ta-taaah“ am Beginn der fünften Sinfonie zieht sich nicht nur durch den ganzen Satz, es bildet als Erinnerung und Vorahnung ein dichtes Gewebe, dessen Einzelteile man immer als Teil von etwas Größerem ausmachen kann. Für manche Denker, die an die verschiedenen Evolutionsstufen bei Tieren (und dem Menschen) dachten, galt sogar die einfache Formel: je komplizierter, desto höher entwickelt, desto besser. Mit diesem (ziemlich mauen) Argument kommen heute immer noch bevorzugt alte Herren im Anzug um die Ecke, wenn es darum geht, gute von angeblich schlechter Musik zu trennen.

Auf der anderen Seite sprengte Beethovens Musik aber den Horizont einiger Kritiker: so fanden sie die Sinfonien „höchst ermüdend“ (Kritik der Fünften) und „bizarr“ (Kritik der Dritten). Da ging der Zusammenhang flöten und plötzlich war diese Musik keine Kunst mehr. Hier nun haben einige von Beethovens treuesten Verehrern einen eleganten Kniff entwickelt: was unverständlich blieb, zeigte angeblich nur Beethovens Humor. Für einen guten Witz müssten eben Regeln gebrochen und Umschwünge vollzogen werden, meinten die Unterstützer, solche Stellen seien also Urlaub von der Norm. Voilà: Beethovens Musik bildete immer noch eine Einheit, sie war immer noch Kunst.

Zumindest aus der Sicht der zeitgenössischen Ästhetikdiskussion sollte man eine Sinfonie von Beethoven also ganz anhören. Und wer keinen Wert auf Einheit legt, kann ja einfach ein Nickerchen einschieben. Das haben viele Kritiker damals wohl auch getan.

Literaturtipp: Florian Edler, „Die Entdeckung der Einheit im Kunstwerk Beethovens“, in: Musikalische Logik und musikalischer Zusammenhang, hrsg. von Patrick Boenke und Birgit Petersen, Hildesheim 2014.

Kapitel 3: War Beethoven ein politischer Visionär?

Bona

Mit der Feier zum 250. Geburtstag von Beethoven im Jahr 2020 werden vermutlich noch mehr Superlative in Umlauf gebracht werden, als man schon bisher ertragen musste. Gerade angesichts der politischen und gesellschaftlichen Ambitionen Beethovens war noch kein Lob zu groß und wenn es – wie 2010 am Konzerthaus Dortmund – in dem vermessenen Ausspruch mündete: „Beethoven war der erste Komponist, der sich selbst bewusst als politisch handelnder Mensch verstand“. Carlo Gesualdo (italienischer Fürst), Friedrich den Großen (preußischer König) und viele andere komponierende Herrscher lassen wir an dieser Stelle einmal im Grab rotieren. Worin aber gründet die Wahrnehmung Beethovens als politischer Komponist?

Unser Held wächst auf in bewegten Zeiten. Als junger Mann verehrt er den als Freigeist gerühmten Friedrich Schiller, will mit 22 Jahren schon dessen freiheitstrunkenes Gedicht „An die Freude“ vertonen (was sich sehr viel später dann zur neunten Sinfonie auswachsen wird). Als kurz darauf die französische Revolution losbricht, trifft das in den Worten Martin Gecks durchaus auf Beethovens Interesse: „Ob Beethoven ein genuiner Anhänger der französischen Revolution gewesen ist, wissen wir nicht; man darf jedoch vermuten, dass er mit ihr zumindest von fern sympathisiert hat“. Denn viele von Beethoven überlieferte Aussagen lassen auf eine Idee des Zusammenlebens schließen, die eher mit modernen Gesellschaftsformen als mit feudalen Herrschaftsstrukturen zusammengeht. So auch, wenn er 1793 schreibt: „Freyheit über alles lieben; Wahrheit nie, (auch sogar am Throne nicht) verläugnen“.

Sehr viel klarer ist Beethovens zeitweilige Verehrung für Napoleon. Der auf Korsika geborene französische Staatslenker greift 1799 mit den Worten „Ich bin die Revolution“ nach der Macht. Beethovens im gleichen Jahr entstandene erste Sinfonie und die 1802 geschriebene zweite verwenden revolutionäre Melodien, die in Paris die Runde machen. Napoleon selbst nimmt bald Gestalt als mythischer „Prometheus“ in Beethovens gleichnamigem Ballett an. Und ja, seine dritte Sinfonie will Beethoven dann gar Napoleon widmen. Als dieser sich 1804 in Paris aber zum Kaiser krönen lässt, zerreißt Beethoven angeblich die Originalpartitur und ruft: „Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeiz frönen.“

Gerade, dass Beethoven sich von Napoleon distanziert, wird ihm in der Literatur positiv ausgelegt. Wichtig sei Beethoven, meint Martin Geck, „die Idee des Heldischen. […] Beethovens Freiheitsideale sind von der französischen Revolution und ihrem ‚Erfüller‘ Bonaparte angeregt, gehen aber nicht mit diesem unter.“ Aber auch viel weniger noble Hintergedanken werden diskutiert: Beethoven verkauft die Dritte letztlich an einen österreichischen Fürsten – der sich eine Revolution denkbar weit vom Leib halten möchte. Womöglich bezieht Beethoven auch die Gleichheit aller Menschen in erster Linie auf sich, will er doch gerne zu den Mächtigen aufschließen. Über den Feldherren Napoleon sagt Beethoven einem Zeitgenossen angeblich: „Schade! daß ich die Kriegskunst nicht so verstehe wie die Tonkunst, ich würde ihn doch besiegen!“.

Literaturtipp: Martin Geck, Beethoven. Der Schöpfer und sein Universum, München 2017.

Martin Geck, „ ‚Heißt das nicht Handeln bey Ihnen: Componiren?‘ Napoleon als Leitstern Beethovens“, in: Napoleon. Trikolore und Kaiseradler über Rhein und Weser, hrsg. von Veit Veltzke, Köln 2007, S. 547–552.

Kapitel 4: War Beethoven mit dem Schicksal im Bunde?

doorknob

Während die Musikwelt nach Knechtsteden blicken wird, um gebannt dem Abschlusskonzert des diesjährigen Festivals zu folgen, wird in Köln zeitgleich der WDR ein bescheidenes Sinfoniekonzert veranstalten, das an dieser Stelle nur interessieren soll, weil es letztlich einen wiederum in Knechtsteden gesponnenen Gedankenfaden aufnehmen und weiterzwirnen wird, steht doch dann auf dem Programm des WDR-Sinfonieorchesters die fünfte Sinfonie von Beethoven (in Knechtsteden nur wenige Tage zuvor gegeben vom famosen Ensemble Reflektor), die Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble mit einem Festvortrag unter der Überschrift „Schicksal“ ummanteln wird. Hier nun ist es endlich, das Attribut, das solcherlei Abschweifungen nötig macht: Schicksal! Das Wort, das wie kein zweites mit Beethovens Name verknüpft ist.

Wie schon angerissen, wurden in Beethovens Musik bald ganz bestimmte Merkmale ausgemacht, darunter auch die „Leidensnotwendigkeit“ (Eggebrecht, s. Kap. 1), die Anlass ist, durch harte Arbeit und eine Prise Heldentum das eigene Glück zu erzwingen. Musikdenker Karl Storck vermutete diese Konstitution in geradezu biblischen Ausmaßen nicht nur in Beethovens Musik: „Es war sein Schicksal, leiden zu müssen, damit er der Menschheit die Verklärung des Leides, die Überwindung der Schmerzen, das Hinaufarbeiten zur Freude verkünden konnte.“ Gerade im Zusammenhang mit der fünften Sinfonie hat sich der Begriff „Schicksal“ etabliert, weil er von Beethoven selbst stammen soll. Zumindest galt lange die Überlieferung von Beethovens Freund Anton Schindler, nach der Beethoven selbst über den Beginn seiner Fünften („ba-ba-ba-baaaaam“) gesagt haben soll: „So pocht das Schicksal an die Pforte!“.

Dieser Ausspruch war glaubwürdig, bis in den 1970er-Jahren nachgewiesen werden konnte, dass Schindler sowohl Texte wie Werke gefälscht hatte, um seine Sicht auf Beethoven durchzusetzen. Für einige Jahre war sein Ruf dahin, inzwischen schwingt das Pendel der Forschung langsam in die ursprüngliche Richtung zurück. Erst vor vier Jahren hat Egon Voss dafür plädiert, die Überlieferung Schindlers in diesem Fall ernst zu nehmen. Voss hat die verschiedenen Ausgaben von Schindlers Beethoven-Biographie studiert und keinen Grund gefunden, warum Schindler die Unwahrheit hätte schreiben sollen – Beethoven sah in seiner Fünften wohl wirklich das Schicksal am Werk!

Voss‘ Arbeit hat allerdings noch eine ganz praktische Entdeckung zu Tage befördert. Berühmt wurde Schindlers Buch in der dritten Auflage, in der die Geschichte von Beethovens Ausspruch mit allerlei schwurbeligem Beiwerk verklärt wird. In den ersten beiden Ausgaben von Schindlers Beethoven-Biographie dagegen wird das Zitat ganz handfest mit der Geschwindigkeit („Tempo“) des Beginns verknüpft. Wo „das Schicksal an die Pforte“ pocht, da wollte Beethoven – schreibt Schindler – ein ruhigeres Tempo, als im dann folgenden Rest des Satzes. Hier einmal visualisiert:

baaa – baaa – baaa – baaaaaaam, baaa – baaa – baaa –baaaaaaaaam

babababam-babababam-babababam, babababam-babababam-babababam…

Im Notentext großer Verlage wurde diese Option kaum berücksichtigt, auch im Konzert begegnet man ihr selten. Als Konzertgänger kann man mit diesem Wissen natürlich wuchern. Beethovens Wille wird dort am ehesten umgesetzt, wo das Schicksal am mächtigsten pocht. Der Triumph am Ende muss dann natürlich brettern.

Literaturtipp: Egon Voss, „ ‚So pocht das Schicksal an die Pforte!‘ Überlegungen zu Anton Schindlers Äußerungen über den Beginn von Beethovens 5. Symphonie“, in: Bonner Beethoven-Studien 11 (2014), S. 185–191.

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